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21.08.2025

„Wenn Sie Lust haben, können Sie gleich mit meiner Frau singen.“ – Teil 2

20250626_202841.jpg„Haaaaaah…Uuuuuhh… Pfffff.“
Als der ostfriesische Bauersmann und Vermieter des Bauwagens, in dem ich eine Nacht verbringen wollte, mich zum Singen mit seiner Frau einlud, hatte ich eigentlich anderes als Schnaufen und Stöhnen erwartet. Es drang aus einem Raum im Dachgeschoss des ehemaligen Kuhstalls. Eine grüne Tür führte hinein. Ich drückte die Klinke.

Da alle Keucherinnen die Augen geschlossen hielten und gleichzeitig jedes Geräusch übertönten, registrierten sie mein Eintreten nicht und auch nicht, wie ich die Tür schloss und in ihr Aus- und Ein- und Ausatmen einstimmte. Jedoch mit offenen Augen, um zu gucken.

Unser Probenraum ging über die ganze Stallbreite, ein Golf hätte gerade so quer parken können. Wir drängten uns im hinteren Drittel. Das mittlere teilten sich eine kleine Bar auf der Fensterseite und eine Sitzgruppe vor der Wand zum Dachraum. Ein goldener Kornleuchter hing aus dem Dachgebälk herab. Vorn erhob sich, von Teppichen belegt, eine Bühne, auf der zwei Schlagzeuge standen.

Die vorkeuchende Physiotherapeutin schien knapp unter 30 zu sein und leitete etwa ein Dutzend Frauen an im Alter von Mitte 20 bis Anfang 60. Sie trugen fast alle über die Hüften reichende figurschmeichelnde Oberteile und praktische Kurzhaarfrisuren. Ein Pferdeschwanz war auch dabei. Und ein Mann. Und noch einer. Wir waren also zu dritt. Ich lag altersmäßig in der Mitte. Der ältere war sehr erkältet, hustete mehr, als dass er atmete. Der jüngere war offenbar von seiner Freundin mitgebracht worden.
Ich hatte eine Malzbierflasche mitgebracht. 

Die Physiotherapeutin leitete die Abschlussübung ein. Mit den Fäusten auf die Brust schlagen und „Ah“ machen. Was ich wegen der Malzbierflasche nur mit einer Faust ausführte. Anschließend mussten wir alle Gliedmaßen ausschütteln. Das ging besser, die Flasche war ja noch zu.
„Danke! Super!“, jubilierte die Pferdeschwanzfrau, knapp über 30 und die Frau des Bauern. Sie verteilte ohne weitere Erklärungen bedruckte Blätter an alle. Niemand wunderte sich, dass ich da war, vielleicht glaubten sie, ich wäre von Anfang an dabei gewesen und sie hätten es nur nicht gemerkt.

Während ich einen sicheren Platz für mein mitgebrachtes Malzbier suchte, versuchte ich gleichzeitig zu ergründen, was die beiden Blätter sollten. Da dröhnte eine Lautsprechersäule hinter mir los. Ich bin ziemlich schlecht im Musik erkennen, aber zu Schulzeiten kurz nach der Wende gehörten sie zum Unterhaltungsrepertoire jeder Klassenfahrt und so erkannte ich sofort die Berliner Punkband „Die Ärzte“. 

„Hast du etwas getan, was sonst keiner tut?
Hast du hohe Schuhe oder gar einen Hut?
Oder hast du etwa ein zu kurzes Kleid getragen,
ohne vorher deinen Nachbarn um Erlaubnis zu fragen?“

Mochte ich die Band kennen, das Lied kannte ich nicht. Als einziger offenbar, denn nach und nach und oft, ohne auf den Textzettel zu schauen, fielen alle in den Gesang ein, nickten rhythmisch mit dem Kopf. Hüften bewegten sich im Takt, die Oberteile schwangen drumherum.
Um – vor allem mit dem rechten Ohr – Abstand zur Lautsprechersäule zu bekommen, arbeitete ich mich durch die schwingenden Singenden in die Mitte des Chors.

„Lass die Leute redn und lächle einfach mit“, ging es in den Refrain.
„Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD.
Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht, aus…“

„…Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!“, brüllte mir eine Landfrau ins linke Ohr.
Wir sangen das Lied gleich noch einmal. Und noch einmal. Die Stelle mit dem Wetterbericht intoniert die Sängerinnen von Mal zu Mal inbrünstiger.

Wir wechselten zum nächsten Zettel. „Zombie“ von den Cranberries. Darin geht es in Erinnerung an zwei getötete Kinder um den Nordirland-Konflikt. Hier kannte ich die Melodie und – zumindest lautmalerisch – auch den Text. So jaulte ich:
„In yooo häää-hät, in yooo häää-hät. Sohombi, Sohombi, Sohombi …“

Inzwischen war die Abendsonne so weit gesunken, dass sie genau durch die angekippten Fenster an der Giebelseite schien. Ab und zu hörte man von unten ein Huhn gackern. In warmes Abendorange gehüllt, trällerten wir vom Original aus den Lautsprechersäulen dröhnend unterstützt abwechselnd „With their tanks and their bombs, and their bombs, and their guns. In your head, in your head, they are dying“ und „Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD. Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht, aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!

Dann sagte die Pferdeschwanz- und Bauersfrau unvermittelt „Danke! Super!“ und dass wir uns jetzt alle 14 Tage hier träfen und hoffentlich bis zum Stadtfest ein kleines Programm einstudiert hätten aus dem Bomben- und dem Tittenlied. Und wer noch andere schöne Lieder kenne, könne die ja zum nächsten Mal mitbringen. „Ach, und jetzt noch eine Übung, die ich immer mit meinen Kindergartenchorkindern mache!“ Sie wischte übers Handydisplay. Bluethooth leitete weiter, was sie ausgewählt hatte, und heitere Kinderliedmusik erklang aus den Lautsprechersäulen. Ein noch heitereres Kind begann Anweisungen zu geben.
„Macht einfach nach!“, rief die Bauers- und Pferdeschwanzfrau.

„Klatsch-Klatsch“, sagte das Kind. Wir klatschen zweimal.
„Stampf-Stampf“, sagte das Kind. Wir stampften zweimal.
Dann wurde es schwieriger.
„Klatsch-Klatsch. Stampf-Stampf!“.
Wir folgten aufs Wort.

Selbst „Klatsch-Stampf-Klatsch-Stampf-Klatsch-Klatsch“, führten alle fehlerfrei aus. Abgesehen von mir. Ich scheiterte mich durch weitere Kombination von Hand- und Fußgeräusch bis zum letzten Dankesuper des Abends.

Im Glauben, wir säßen noch alle ein bisschen beisammen, ließ ich mich mit meiner Malzbierflasche in einen der Sitzgruppensessel nieder. Aufmerksam reichte mir der ältere erkältete Mann, Vater oder Schwiegervater der Chorleiterin, wortlos einen Flaschenöffner. Meine Aufmerksamkeit nahm das recht flotte Zerstreuen der Chormitglieder in Anspruch, die durch die grüne Tür verschwanden, so dass ich mit einem Mal nur noch mit einer Hand voll Menschen zusammensaß, die gefühlt alle miteinander verwandt waren. Sie sprachen über allerlei vergangene Ereignisse, zeitlich geordneten durch Angaben wie „Das war noch vor Lillys Geburt“ oder „Da muss der Günther schon tot gewesen sein“.

Nach einem Malzbierschluck gab ich mir einen Ruck und fragte den älteren Erkälteten, mit einem Seitenblick in Richtung der Schlagzeuge, welche Band hier denn so probe.
„Difficult to say“, antwortete er, offenbar des Deutschen nicht mächtig. In meiner Berliner Arroganz hatte ich das in Ostfriesland nicht erwartet, sondern den Horizont der Einheimischen am nächsten Windrad enden gesehen. Beschämt trank ich einen Schluck. Und formulierte im Kopf meine nächste Frage auf Englisch. Unnötig. Denn der erkältete (Schwieger)Vater schob vorwurfsvoll hinterher: „Die kennt man eigentlich. Die treten ja nicht nur in Seume auf, sondern auch um Seume herum!“

Als mir immer mehr Blicke und Gesprächslücken bedeuteten, dass die Familie nun wirklich unter sich sein wollte, dankte ich für die Einladung, ging durch die grüne Tür, kletterte die Leiter vom Dachboden in den alten Stall hinab, wo die Motorräder standen und marschierte hinaus zu meinem Bauwagen. Mit Utensilien für meine Abendhygiene verließ ihn wieder in Richtung Toilettenraum im Haupthaus. 
Ich ging durch den düsteren Gang mit dem schwitzenden Fliesenfußboden. Durch ein Fenster sah ich vor der Haupteingangstür einen Mercedes stehen. Daneben parkten ein Kinderfahrrad und ein Rollator.

Im Sitzen putzte ich mir die Zähne. Spart Zeit. Und denken kann man dabei auch noch. Was für ein Abend. Was für Menschen. Was für ein anderes Leben. Ein wilder Mix aus Klischees und Unerwartetem. Als würde man im bunt blühenden Bauerngarten einen Granatenwerfer entdecken. Derlei sinnierend starrte ich vor mich hin.

Die Wände des Toilettenraumes waren mit der gleichen abwischbaren Blumentapete wie die in meinem Bauwagen beklebt. Aus dem Winkel zwischen Blumenwand und feuchtem Fliesenboden ragten kleine bräunliche Gebilde. Keine Granatwerfer. Pilze. Ob zum Essen, Aufbrühen oder Rauchen habe ich mich nicht getraut herauszufinden.

ADMIN - 07:21:01 @ Autorenleben, Neulich | Kommentar hinzufügen


 
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