liesmichmal.de - Christian-Eisert-Blog
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11.04.2026
Schlange in der Hose oder betrunken?

Drei Aussagen stimmen nicht. Eine stimmt.
Zunächst zur Schlange. Oder nein, vielleicht beginne ich besser beim Bundespräsidenten, denn da war auch eine Schlange. Wobei schon vorweggenommen sei, dass ich nicht mit einer Schlange in der Hose den Bundespräsidenten besuchte.
Es war so: Zum alljährlichen Sommerfest des Bundespräsidenten lädt derselbe verdiente Bürger und Bürgerinnen des Landes ein. Wie die Auswahl erfolgt, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall konnte meine Schule auch jemanden dorthin delegieren. Sie schickte mich. Meine Verdienste lagen weniger in schulischen Leistungen, da gehörte ich zwar zum oberen Drittel, aber war mangels mathematischer Begabung keinesfalls der Beste. Als Chefredakteur der Schülerzeitung, Schülersprecher und Theater-AG-Mitglied war ich jedoch recht präsent und engagiert. Nachdem ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis meine Eignung für den Besuch beim höchsten Mann im Staate zuließ, fand ich mich zusammen mit einigen hundert anderen geeigneten Deutschen im Juni 1995 vor den Toren von Schloss Bellevue ein, in einem blauen Blazer mit Goldknöpfen.
Im Gegensatz zu Hape Kerkeling als Königin Beatrix kam ich, ohne aufgehalten zu werden, durch die hölzerne Doppeltür unterm repräsentativen Dreiecksgiebel, hinter der sich nur ein ziemlich leerer bis zur Rückwand des Schlosses durchgehender Raum befindet. Da ging es in den Garten, wo die Big Band der Bundeswehr für Stimmung sorgte und an verschiedenen Ständen, fast wie auf einem Weihnachtsmarkt allerlei Interessantes feilgeboten wurde. Meist Informationen, aber auch Handfestes. So bekam ich am Stand der AOK einen Leinenbeutel mit einem aufblasbaren grünen Gymnastikball überreicht, was jemanden in einem blauen Blazer mit Goldköpfen ein wenig die Würde nimmt.
Und dann gerieten Bundespräsident Roman Herzog („Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“) und ich ins Plaudern. Okay, vielleicht nicht direkt ins Plaudern, aber er richtete sein Wort an mich, der ich mich zu einer kleinen Traube von Menschen gesellt hatte, die Roman Herzog umringten und ihm für Autogramme ihre Einladungen entgegen reckten. Spontan reckte ich auch und es bildete sich somit nicht nur eine Traube, sondern eine kleine Schlange. Weil ein Bundespräsident jedoch noch andere Aufgaben hat, als Autogramme zu geben, richtete er das Wort an mich, und sprach: „Sie sind…“ – Obacht, nicht „das“, sondern „der“! – „Sie sind der Letzte.“ Was bedeutete, dass nach mir keiner mehr ein Autogramm bekam. Später musste ich noch dem Tagesspiegel verraten, was ich im Leben vorhabe. Mein Besuch ist also auch pressearchivarisch protokolliert. Roman Herzog war übrigens nicht der einzige Bundespräsident, den ich traf, aber dazu ein anderes Mal.
Nun zur Schlange.
Oder vielleicht doch erst zum Motorroller.
Als ich 1998 meinem als junger und mitteljunger Mann begeistert Motorrad fahrendem Opa klagte, dass ich an der Bochumer Uni, wo ich studierte, so schlecht einen Parkplatz für meinen Corsa fände, empfahl er mir die Anschaffung eines überall parkbaren motorisierten Zweirades. Zunächst kam ein Simson-Scooter in Betracht, ein der legendären Schwalbe ähnliches Gefährt, allerdings eine technisch ambitionierte Neuentwicklung namens SRA 50 Star. Fuhr sich aber irgendwie komisch (und konnte die Firma Simson leider auch nicht mehr retten). Ich entschied mich nach Studium zahlreicher Kleinkraftradzeitschriften für einen schnittigen Peugeot Speedfight II in weinrot. Damit baute ich gleich bei meiner ersten Fahrt zur Uni einen Unfall. Aber mein weinroter Rennroller blieb fahrfähig und machte mit mir sogar Ausflüge von Bochum bis nach Wuppertal! Später verkaufte ich das Gefährt an den Chauffeur des brasilianischen Botschafters. Aber dazu ein anderes Mal.
Jetzt aber zur Schlange.
Ich ging noch in den Kindergarten. War vier, vielleicht auch schon fünf. Mein Vater hatte vor seinem Studium im Berliner Tierpark eine Ausbildung zum Tierpfleger gemacht, während der ihn ein Kondor ins Handgelenk biss, was ihm eine zum Vorzeigen ausreichend große Narbe einbrachte. Und als er schon längst als Biologe arbeitete, kannte er noch genug alte Kollegen, so dass mir ein besonderer Tierparkbesuch beschieden war. Wir besuchten die inzwischen abgerissene Schlangenfarm schräg rechts neben dem Schloss Friedrichsfelde. Dort krauchten und zischelten in langen Terrarienreihen allerlei Reptilien, Krokodile lagen bewegungslos in ihren Becken und neben dem Glaskasten einer Kobra, die bei meinem Anblick Gift an die Scheibe spritzte, stand ich kleiner Latzhosen tragender Stippi und bekam von Papas Kollegen eine, so nehme ich an, ungiftige Schlange um den Hals gelegt. Fand ich toll!
Die Schlange kroch Schutz suchend am Hosenträger vorbei unter meinen Latz und dann weiter durch mein Hosenbein hinab, bis an meinem linken Fuß ihr Kopf wieder zum Vorschein kam, während ihre Schwanzspitze noch neben meinem rechten Fuß lag. So lang war sie!
Leider hinterließ sie anders als Papas Kondor keine diese Geschichte untermauernden Spuren, so dass mir im Kindergarten nicht alle glaubten. Aber es stimmt. Und auch dass ich am selben Tag noch auf einer Riesenschildkröte stand.
Somit ergibt sich folgende Lösung beim Quiz: NICHT stimmt, dass ich nie einen Motorroller besaß, nie eine echte Schlange in der Hose hatte und dass ich nie beim Bundespräsidenten war.
Trunken war ich zwar oft vor Glück und Liebe, aber nie von Alkohol.
ADMIN - 06:48:19 @ Autorenleben, Neulich | Kommentar hinzufügen
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