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Texte übers Schreiben. Über Pferde, Menschen, Medien und "Is' mir neulich passiert".
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02.04.2026
Apirila, Apirila
Was ich gestern über mich lernte und über Menschen, die mir folgen, ist entweder ein Anlass zur Beunruhigung. Oder ich bin einfach nicht gut in dem, was ich da tat.
Am Dienstagnachmittag, den 31. März, trug ich für meinen Gruß aus Bad Segeberg zusammen, was aus einem Olsenbande-Film hätte stammen können.
In der dänischen Filmreihe versucht eine Bande von drei Kleinganoven mit Hilfe abstruser Requisiten immer wieder und meist vergeblich dem Großkapital Millionen abzuluchsen. In jedem Film sagt Bandenchef Egon Olsen mindestens einmal: „Ich habe einen Plan. Wir brauchen…“ Und dann zählt er allerlei scheinbar nicht im Zusammenhang stehende Alltagsgegenstände auf.
Zu meinem Plan übrigens inspirierte mich unwissentlich Seraphina Kalze, die vor einigen Tagen aus Bad Segeberg grüßend auf Instagram für ihren dortigen Auftritt warb.
Für meinen Gruß aus Bad Segeberg brauchte ich: Einen Cowboyhut, eine Klappleiter, eine Frischhaltedose, eine Blechbüchse, eine Handyhalterung, eine Schreibtischlampe, ein Holzbrett, einen DDR-Indianerfilm und ein paar Pferde.
Dummerweise befanden sich die benötigten Pferde nicht dort, wo ich sie erwartete. Also musste ich eilig umplanen und ersetzte die Pferde durch eine Freilichtbühne. Sowas ist ja auch leichter zu bekommen.
Vor allem, wenn man den Backstage-Bereich einer solchen Bühne vortäuschen will. Den fand ich im Kellergang eines befreundeten Hauses. Holzbalkendecke, Rauputzwand und ein Durchgang zur „Bühne“ (der in Wirklichkeit in einen stockdunklen Kellerraum führt). Das ergab genug rustikale Anmutung, die ich dann noch textlich unterstützte.
Dem Stockdunklen des Kohlenkellers rückte ich mit der höchsten von vier Helligkeitsstufen einer Schreibtischlampe zu Leibe, so entstand Tageslichteindruck.
Fehlten noch plausible Hintergrundgeräusche. Schüsse und galoppierende Pferde. Die sind in Western immer mit dramatischer Musik unterlegt. Doch ich nehme an, ohne es zu wissen, denn ich war noch die da, das ist bei den Freilichtspielen in Bad Segeberg auch so. Und so spielte ich auf dem Laptop eine Überfallszene aus einem DDR-Indianerfilm ab. Man sieht es im Foto links unten in der Ecke samt Lampenkabel.
Weil kein passendes Stativ zur Hand war, nutzte ich eine Klappleiter, legte in entsprechender Höhe ein Brett über die Sprossen der Leiterschenkel und platzierte darauf mit der Öffnung zu mir eine Frischhaltedose, auf deren oberen Rand ich die Handy-Halterung aus meinem Auto steckte und dahinein mein Kamerahandy.
Dann ging’s auch schon los mit der Aufnahme. Im ersten Versuch zeigte sich, dass der „Durchgang zur Bühne“ im Vergleich zu mir unglaubwürdig niedrig wirkte, was er in Wahrheit auch ist, man kommt nur gebückt hindurch. Das musste ich ändern. Und so versetzte ich die Brettunterlage für die Handyhalterungsfrischhaltedose samt Handy zwei Sprossen nach unten. Und ich kniete mich vor die Leiter. Nun stimmten der Größeneindruck.
Die Eckpunkte meines Textes hatte ich im Kopf. Aufgeschrieben hatte ich ihn nicht, es sollte ja natürlich klingen. In acht, neun Takes schliff sich der Text perfekt ab und ein, so dass kein Wort zu viel war und vor allem jeder Satz seine Aufgabe erfüllte. Dann nur noch die Untertitel erstellen lassen, nachbearbeiten, Schlussblendeneffekt drauf. Und am 1. April morgens lud ich da und dort hoch.
Keiner und keine aus Freundes- oder Followerkreis gab zu erkennen, dass sie den Scherz durchschauten. Was ja Nettigkeit hätte sein können, um den anderen nichts zu verrraten. Doch… Likes auf allen Verbreitungswegen und persönliche Nachrichten mit Glückwünschen und Mitfreuen, deuteten vielmehr daraufhin, dass ich versagt hatte.
Hatte ich mich so getäuscht? Sind Fake News so leicht herzustellen? Selbst am 1. April?
Wenn schon Bild und Sound nicht misstraut wurde, dann hätte spätestens der Text den Scherz enthüllen sollen. Bei dem ich sogar annahm, er würde die Intention viel zu deutlich offenbaren. Es heißt, ein guter Aprilscherz sollte eine glaubhafte Wahrscheinlichkeit beinhalten und gleichzeitig Elemente, die höchste Zweifel wecken bzw. ihn als Verlade entlarven.
Hatte ich gemacht. Oder doch nicht?
Mein Video aus dem Kellergang begann mit:
„Grüße aus Bad Segeberg. Ich stehe jetzt hier direkt unter dem berühmten Kalkfelsen.“
Dabei schaute ich hoch zur Bretterkellerdecke. Mit dem Ziel, beim Betrachter das Bild des Felsen aufblitzen zu lassen.
Juristisch wichtig fand ich, nie den Namen des berühmten Apachen-Häuptlings zu nennen oder den Namen seines Erfinders bzw. den offiziellen Namen der Festspiele. Ist vielleicht auch unwichtig. Aber sicher ist sicher.
„Da…“ Ich deutete mit dem Zeigefinger zum Kohlenkeller. „…geht’s zur Bühne, da wird auch schon geprobt.“
Womit eine Verknüpfung zum Hintergrundsound hergestellt war und der Imaginationsprozess vollständig.
„Warum bin ich hier?“
Rhetorische Frage… Spannung, Spannung.
„Ich hatte die Freude…“
Wichtig, wenn man eigentlich angeben will: Bescheidenheit, in Form von „Ich hatte die Freude/das Vergnügen/ Ich durfte…“
„… für das Warm-up der großen Bühnenshow Sketche zu schreiben.“
Da hab ich nicht aufgepasst, dieser Satz ergibt gar keinen Sinn.
Für das Warm-up der Bühnenshow? Klar, „Bühnenshow“ musste es heißen, um die problematischen Begriffe nicht zu verwenden.
Aber „für das Warm-up der…“ Wer soll da aufgewärmt werden?
Die Schauspieler für die Proben oder für die Aufführung? Oder das Publikum VOR der eigentlichen Show?
Das jedenfalls war gemeint und wurde wahrscheinlich auch so verstanden.
„…hatte die Freude, Sketche zu schreiben. Lustige Pferdesketche.“
Hier sorgten meine Arbeit als Comedy-Autor und meine in den letzten Jahren gewachsene Pferdeaffinität für Glaubwürdigkeit.
„…oder wie wir gesagt haben: Pfun mit Ferden“.
Wichtiger als der kleine Gag ist das „wir“. Das sollte den Eindruck erwecken, ich wäre Teil eines Teams. Wie das bei solchen Großprojekten eben ist.
„Und da steht im Mittelpunkt Pia Joe, die auf ihrem Apachen-Wallach Apirila wild über die Bühne reitet und lustig ist.“
Hier beginnt nun – für mich überdeutlich – die Kenntlichmachung des Aprilscherzes. Zunächst zu den Namen. Das sind im Western-Zusammenhang eigentlich sinnlose Wortspiele mit italienischen Kleinkraftrad-Herstellern: Piaggo – Pia Joe und Aprilia – Apirila -> April! Gleichzeitig ist Apirila eine Referenz an die Karl-May῾sche Namensgebung. Vergleiche Hatatitla, das Pferd von Old Shatterhand und Apanatschi, das sogenannte Halbblut.
Apachen-Wallach… ergibt übrigens auch keinen Sinn. Apache ist ja keine Pferderasse. Zudem ritten Karl Mays Helden Hengste und nicht Gäule, die man entmannt hat.
„Das Pferd heißt eigentlich Lucky. Und es gibt noch ein zweites Pferd, ein Ersatzpferd, Sandy…“
Das Verraten von angeblichen Insider-Informationen stärkt die Glaubwürdigkeit. Menschen wollen zu den Eingeweihten gehören. Vor allem aber brauchte ich die beiden für den nun folgenden ULTIMATIVEN 1.-APRIL-HINWEIS!
„Heute ist Apirila auf der Bühne, Apirila der Erste“
Deutlicher geht es doch nun wirklich nicht am 1. April?!?
Der Rest des Textes war Premierenhinweis und Abschiedsformel.
Was ich nicht glauben möchte, ist, dass alle, die likten oder mir begeistert schrieben, grundsätzlich leichtgläubig sind, besonders in diesen Zeiten.
Was ich vielmehr glaube und da kommen wir zu dem, was ich lernte über meine Follower und mich: Mir wird offenbar alles zugetraut!
Ob das gut ist, weiß ich noch nicht…
So, nun muss ich aber los, sonst verpass ich den Zug nach Bad Segeberg.
Sche-herz!!
ADMIN - 05:47:40 @ Pferde, Neulich, Medien | Kommentar hinzufügen
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Lustig, das mit den unterschiedlichen Umarmungen von Männer und Frauen ist mir …
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