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23.02.2026
Kalkofe, Keks und Karriere
Ferkel, die Oliver Kalkofe umzingeln, verdanke ich meine Karriere als Drehbuchautor. Also nicht nur. Aber zu einem beträchtlichen Teil.
Sie schnüffelten, rannten und guckten niedlich - ein knappes Dutzend Ferkel. Mittendrin stand in Gestalt eines Hundes Oliver Kalkofe.
Und ich hatte bald Drogenassoziationen. Assoziationen! Nicht Halluzinationen!
Vor rund 12 Jahren, im Herbst 2014, schlug mich meine Agentin der studio.TV vor, der Produktionsfirma von “Löwenzahn”. Die produzierte seit einigen Jahren für jüngere Kinder einen Ableger des Erfolgsformats namens “Löwenzähnchen”. Darin unternimmt Keks, der Hund von Fritz Fuchs, sobald sein Herrchen weg ist, Streifzüge durch Bärstadt und trifft Tiere. Während Keks, gesprochen von Oliver Kalkofe, staunend Neues über die Tierart erfährt und ihnen oft aus einer misslichen Lage hilft, lernt auch das zuschauende Kind.
Mir teilte man als erste Schreibaufgabe Ferkel zu. Das heißt, ich bekam etwa 30 Minuten ungeschnittenes Material, das lauter Ferkel zeigte, die schnüffeln, niedlich gucken, einander jagen, sich hinlegen und wegschubsen. Dazu kamen Bilder des Berner Sennenhundes, der Keks mimte. Er guckte, setzte sich, lief ein paar Schritte, blieb stehen und hielt den Kopf schräg. Meist allein im Bild. Gelegentlich zusammen mit einem oder mehreren Schweinchen.
Meine Aufgabe war nun, in diese Bilder eine sinnvolle Geschichte hineinzuinterpretieren und sie unter Angabe der Timecodes entsprechend zu ordnen. Der Timecode ist eine oben rechts im Bild mitlaufende Uhr, die Minuten, Sekunden und Frame (Filmbild) anzeigt. So wussten Regisseur und Cutterin, welche Bilder unter welche meiner Dialoge zu legen waren. Denn die Tiere sprachen miteinander. Ohne Mundbewegungen. Als sogenannte Gedankenstimmen. Das funktionierte erstaunlich gut und glaubwürdig.
Okay, also… Rennende Schweine. Diese Bilder waren am stärksten. Die wurden der Ausgangspunkt meiner Geschichte. Warum rennen die Schweine? Durch ein Jahrzehnt als Gagschreiber war meine assoziative Denke gut trainiert, die Möglichkeiten ratterten durch: Sie rennen vor etwas weg. Sie rennen zu etwas hin. Sie rennen um die Wette. Sie trainieren für einen Marathon. Wissen 4-Jährige, was ein Marathon ist? Verstehen sie den Reiz daran? (Den verstehe ja nicht mal ich.)
Wenn die Schweinchen wegrennen, wovor? Einem Erdbeben? Bei uns eher unwahrscheinlich.
Naheliegenderweise rannten sie vor Keks weg. Aber der ist ja freundlich und tut nix. Wegrennen ist Angst. Angst sollen Kinder nicht haben. Also nicht Wegrennen.
Hinrennen? Wohin? Zu Keks? Das gaben die Bilder nicht her. Man sah mehrheitlich die rennenden Schweine von hinten. Hoppelnde Ferkelpopos. Wahrscheinlich rannten sie vor dem Kameramann weg. Aber das konnte ich den Kindern nicht erzählen.
Außerdem, rannten sie wirklich weg? Jagte nicht ein Schweinchen die anderen? Eine Verfolgungsjagd? Einbrecher? Ausbrecher?
Clan-Kriminalität? Nicht kindgerecht.
Aber vor hundert Jahren spielten Kinder Räuber und Gendarm. Vor vierzig spielten wir Cowboy und Indianer. Waren Colt Seavers oder MacGyver. Fange spielen Kinder bis heute.
Aber nur Fange spielen, war zu wenig. Die Geschichte sollte ja auch eine Botschaft haben. Sowas wie: Du schaffst alles, wenn du es wirklich willst. Erfüll dir deine Träume! Man lebt nur einmal!
Und dann kam mir sehr schnell in den Sinn, was ich mal als bunte Zeitungsmeldung gelesen hatte: Schweine in der Verbrechensbekämpfung. Drogensuchschweine. Spürschweine. Liebe Kinder, das Ferkel will später mal Drogen finden…
Okay, keine Drogen. Aber Sachen suchen, Sachen verstecken, das mögen Kinder. Nicht nur zu Ostern.
Also stand fest, das Ferkel will zur Polizei. Sein Traum ist, Polizeischwein zu werden. Auch wenn es dafür denkbar ungeeignet ist. Auch wenn seine Brüder und Schwestern ihn auslachen. Ja, ihn. Ich taufte das Ferkel Sascha. (Der echte Sascha war davon eher mäßig begeistert).
Damit Saschas Traum wahr wird, trainiert Sascha eifrig: Verfolgungsjagd, Sachen aufspüren (Wie gesagt, es gab auch Schnüffel-Bilder) und Sascha trainiert seine Stimme. Um sich später Respekt verschaffen zu können, durfte er nicht so quieksig sprechen, wie es Schweine gern tun. Keks zeigte ihm, wie man tief und volltönend bellt.
So ließen sich die Bilder bald zu einer sehr logischen Geschichte reihen, in der Sascha mit lautem „Tatütata“ seine Geschwister verfolgt und seine Qualitäten als Spürschwein unter Beweis stellt, weil er den ins Gras geduckten Keks aufspürt.
Und weil die Abenteuer von Polizeischwein Sascha Produktion und ZDF gefielen, durfte ich in den folgenden Jahren mehr als ein Dutzend weitere Löwenzähnchen-Folgen schreiben. Außerdem wurde ich nach einem halben Jahr beim „Zähnchen“ zum „Zahn“ eingeladen.
Seit 2015 schreibe ich für „Löwenzahn“ bis zu drei Folgen im Jahr.
Ich hatte auch schon vor Polizeischwein Sascha Drehbücher geschrieben (und verkauft). Aber einen Schub bekam meine Karriere als Drehbuchautor durch das kleine ehrgeizige Ferkel.
Heute mal wieder zu sehen um 09:25 Uhr im KiKA und immer unter ZDF.de zu finden mit den Stichworten “Löwenzähnchen Sascha”.
ADMIN - 07:26:42 @ Drehbuch, Autorenleben | Kommentar hinzufügen
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Letzte 1 Kommentare
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Lustig, das mit den unterschiedlichen Umarmungen von Männer und Frauen ist mir …
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