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Texte übers Schreiben. Über Pferde, Menschen, Medien und "Is' mir neulich passiert".
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16.02.2026
Überleben auf Berlinale-Partys
Für einen Schreibtisch-Arbeiter ist die Berlinale kein Filmfest. Für jemanden, der 90 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt, ohne andere Menschen zu sehen, hören oder riechen (was kein Mangel sein muss), ist die Berlinale eine Wiedersehensfeier und Kennlernorgie. Ein Sturzbach der Zwischenmenschlichkeit. Der Rituale. Und man ist gezwungen, gelegentlich zu schwindeln.
Das Kennlernritual bei Fremden beginnt mit dem Aufsagen des Namens, meist gibt man sich die Hand dabei und ergänzt Beruf oder Funktion im Gefüge des Film- und Fernsehmachens.
Kennt man sich schon und erkennt sich, wirft man begleitet von explosionsartigem Zähnezeigen ein Stück den Kopf zurück und sich anschließend in die Arme. Bei Männern mit Rückenklopfen, bei Frauen ohne. Ist man erkältet, hält man das Gesicht mehr zur Seite.
Dann kommt der Mittelteil. Der beginnt entweder mit allgemeinem Geplauder über das Gegenwärtige (voll, leer, laut…) oder mit schon sehr Speziellem, weil Beruf und/oder Funktion oder gemeinsame Erlebnisse dazu anregen.
Manchmal gibt es auch eine Mischform, wenn man sich zwar fremd, aber überraschend durch eine Gemeinsamkeit verbunden ist.
So kam jemand auf mich zu, deutete auf das Namensschild, mit dem jeder am Einlass beklebt worden war und meinte, er käme auf mich zu, weil ich Christian Eisert sei und er wissen wolle, ob ich der Christian Eisert sei, was ja in jedem Fall stimmt, selbst wenn ich ein anderer Christian Eisert wäre, weil niemand die Christian Eisert ist. Obwohl… heutzutage…
Jedenfalls stellte ich mich als der erhoffte meines Namens heraus, da ich der bin, der “Kim und Struppi” schrieb. Das Buch hätte der andere im Bücherschrank stehen, aber noch nicht gelesen. Den gleichen Satz hat mal Steffen Hallaschka in einem Quiz mit Jörg Pilawa über “Kim und Struppi” gesagt. Das war aber nicht unsere Gemeinsamkeit, sondern der Umstand, dass der andere und ich jeweils in Nordkorea waren. Und so erkundigte ich mich, wie es den Schildkröten im Foyer des Yanggakdo-Hotels in Pjöngjang ginge (Offenbar nicht so gut. Es schwimmen in ihrem Aquarium jetzt Haie) und er fragte, ob ich wüsste… usw.
Unangenehm wird es, wenn Menschen auf mich zukommen, die mir …manchmal auch nur im Vorbeigehen… mit Wiedererkennensmiene zunicken, ohne dass ich sie wiedererkenne, was mich nicht vom Nicken mit Wiedererkennensmiene abhält. Bleibt man dann beieinander stehen, lässt sich auch ohne einen Schimmer, wer der oder die andere ist, bekunden, wie schön es sei, sich hier zu treffen. Auch zu fragen, was er/sie jetzt mache, entlarvt die eigene Ahnungslosigkeit nicht, weil bei Film und Fernsehen die meisten alle paar Monate etwas anderes machen.
Leider kommt es häufig vor, dass ich keine Ahnung habe, wer mich gerade wiedererkennt. Ein überraschender Nebeneffekt meines Zweitberufes. Es fällt hierbei öfter der Satz “Ich war mal bei dir im Seminar.” Und ich sage dann, mich strahlend erinnernd: “Richtig, du saßt halb links.” Das sorgt immer für Freude.
Ich erinnere mich tatsächlich an viele Gesichter wieder und oft auch, wo diese situiert waren, während die Namen mir grundsätzlich entfallen sind. Kein Wunder bei ein paar tausend Teilnehmern in 20 Jahren als Humor-Dozent. Und weil es so viele waren, kommt es auch vor, dass ich mich nicht an das Gesicht erinnere. Dann sage ich natürlich nicht “Du saßt halb links.” Dann sage ich “Du saßt halb rechts.”
Entweder strahlt das Gegenüber oder es guckt komisch, weil er/sie auf der anderen Seite saß.
In diesem Fall schiebe ich hinterher “Von dir aus gesehen.”
Wichtig ist auch, das Gespräch elegant zu beenden. Meist mit “Ich hole mir mal was zu trinken”. Was nur funktioniert, hält man kein gefülltes Glas in der Hand. Alternativ will man etwas zu essen holen. Oder es hilft die Ankündigung eines Toilettengangs. In allen drei Fällen führt es zu Schwierigkeiten, fällt daraufhin der Satz: “Ich komme mit”. Meist wissen aber die Beteiligten, dass es weder um Hunger, Durst oder Ausscheidung geht, sondern um freundlichen Abschied. Ein abschließendes “Wir sehen uns” schadet nicht. Ein “Ich melde mich”, kann schön sein. Muss nicht.
Will man auf gar keinen Fall jemandem begegnen, der auf einen zusteuert, entdeckt man idealerweise in der Gegenrichtung ein bekanntes Gesicht. Notfalls steuert man auf sympathischer erscheinende unbekannte Gesichter zu. Oder holt schnell das Handy aus der Gesäßtasche, das vorgeblich am Po vibriert.
Aber überwiegend sind Berlinale-Veranstaltungen ein Freudenfest mit großartigen Menschen.
Vielen Menschen. Sehr vielen Menschen.
Das hält lange vor.
ADMIN - 07:18:15 @ Autorenleben, Neulich | 1 Kommentar
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Marie
Lustig, das mit den unterschiedlichen Umarmungen von Männer und Frauen ist mir noch gar nicht aufgefallen, aber es stimmt.
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Lustig, das mit den unterschiedlichen Umarmungen von Männer und Frauen ist mir …
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